Bssszscht!
von Renegald Gruwe
Es fiel und fiel und fiel, und es fiel nicht einmal auf, dass es gefallen war. So hatte es sich sein Ende nicht vorgestellt. Eines unter Tausenden, unter Zehntausenden, unter Hunderttausenden, die aus einem riesigen Beutel von der Decke geschüttet, sich in Haaren verfingen, auf Schultern landeten oder einfach nur auf dem Parkettboden des Tanzsaales platt getreten wurden. Die, wenn noch Wein oder Bier verschüttet worden war, oder Coca Cola, sich zu einer klebrigen Masse vermantschten und verklebten, später unter Schuhsolen aus dem Saal auf die nasse Straße getragen wurden, dort elend zugrunde gingen und, nach einigen Stunden von einem Gerät der Stadtreinigung entfernt, auf der Müllhalde vor den Toren der Stadt endeten.
Die, die sich in Kleidung von Gästen verstecken konnten, hatten ein weniger frühes Ende. Sie durften, im Schutz von Unterhemden und Büstenhaltern, die Nacht der Nächte erleben und manche von ihnen hatten gar das Glück, noch in warmen Betten den kommenden Morgen und die aufgehende Sonne des neuen Jahres zu sehen, bevor sie von einem Staubsauger verschluckt wurden. Nicht ohne noch bei seinem Anblick ein Lächeln und den einen oder anderen Seufzer zu vernehmen, was es denn für ein wunderschönes Sylvesterfest war.
Dieses Glück hatte unser Konfetti nicht. Noch bevor es zu seinem Einsatz kam, es sollte auf dem Tisch des Gastgebers landen und dort den Abend verbringen und durch seine optische Anwesenheit für zusätzliche gute Laune sorgen, endete es in der Flamme einer Kerze. Bssszscht!
© 2007 Veröffentlicht im Band „Gedankenteilung“ 
beim Verlag 28 Eichen, Barnstorf. Nov.2007
ISBN 978-3-940597-01-4

1956 in Berlin geboren, lebt und arbeitet Renegald Gruwe als Schriftsteller und Musiker in der alten und neuen Metropole Deutschlands.
Mehr über und von Renegald Gruwe findet sich unter: www.futureprimitive.de